Setze dich mit uns in Verbindung

GEWINNERmagazin.de

Ticker

Warum Nestlé seine Marktführerrolle verspielt – und wie riskant der Umbau wird

Ein Satz hallt derzeit durch die Werke von Nestlé – und er bringt die Lage auf den Punkt: „Wir sparen uns in den Werken zu Tode.“ Was Belegschaftsvertreter in internen Schreiben beklagen, ist längst zu einem strategischen Risiko geworden. Die Schweiz erlebt den tiefsten Nestlé-Umbruch seit Jahrzehnten. 16.000 Stellen sollen weltweit wegfallen. Die Krise ist da – und sie ist hausgemacht.

Ein Weltkonzern verliert die Kontrolle

Noch vor wenigen Jahren galt Nestlé als Fels der globalen Konsumgüterindustrie: hohe Margen, starke Marken, verlässliche Dividenden. Doch dieser Nimbus ist verflogen. Absatzrückgänge, Marktanteilsverluste und eine Nettoverschuldung von rund 60 Milliarden Franken drücken schwer.

Die Lage ist so ernst, dass Betriebsräte offen von Qualitätsverfall, falschen Prioritäten und einer schleichenden Aushöhlung des Kerngeschäfts sprechen. Marken wie Maggi, Kitkat oder Nescafé verlieren an Strahlkraft. Und das nicht nur wegen Inflation – sondern, wie Mitarbeiter sagen, wegen Rezepturänderungen und Preiserhöhungen ohne jede kommunikative Begleitung.

Die dramatischste Personalrotation der Firmengeschichte

Drei CEOs in nur 13 Monaten – allein diese Zahl zeigt, wie sehr der Konzern ins Schlingern geraten ist.

Mark Schneider, der einst mit großen Health-Ambitionen antrat, verschätzte sich bei Zukäufen und trieb die Verschuldung hoch. Sein Nachfolger Laurent Freixe scheiterte an einem Compliance-Verstoß. Nun steht Philipp Navratil an der Spitze – ein Nestlé-Veteran, den Investoren für analytisch halten, die Belegschaft aber für gnadenlos.

Navratil kündigte den radikalsten Stellenabbau der Nestlé-Geschichte an – und sprach von „gnadenloser Leistungsbewertung“. Worte, die nachhallen.

Preiserhöhungen, die sich rächen

Der eigentliche Kern der Krise liegt im Kerngeschäft: Nestlé hat sich aus dem Markt gepreist. Kitkat, After Eight, Maggi – fast überall steigen die Regalpreise deutlich, in Einzelfällen um 60 Prozent oder mehr.

Analysten sagen: Diese Strategie war überfällig, aber falsch umgesetzt. Nestlé erhöhte die Preise, während gleichzeitig bei Werbung und Produktqualität gespart wurde. Ein doppelter Fehler, der heute Absatzrückgänge in vier von sieben Sparten erklärt.

Kunden wandern ab – und sie kommen nicht automatisch zurück.

Innovationen, die zu spät kommen

Ein weiterer Vorwurf: Innovationsschwäche. Während Wettbewerber Trends setzen, reagiert Nestlé oft zu spät. Beispiele gibt es viele: Airfryer-Produkte von Maggi kamen spät in den Markt, die Fleischersatzmarke Garden Gourmet verliert den Anschluss, und das Vitamin-Geschäft ist ein Sorgenkind.

Die einstige Produkteuphorie der Nestlé-Teams ist erloschen, berichten Betriebsräte. Viele Innovationen würden von globalen Technologiezentren entwickelt, ohne die lokalen Geschmäcker ausreichend zu berücksichtigen.

Die Fehlkäufe lasten schwer

Manche strategischen Entscheidungen der vergangenen Jahre müssen nun teuer korrigiert werden: der Rückzug aus Aimmune, das Schwächeln des Wassergeschäfts in Frankreich, das teure Vitaminportfolio, das nun wieder verkauft werden könnte. Analysten sprechen offen von „Portfolio-Balast“.

Gleichzeitig verfügt Nestlé über enorme stille Reserven: Die Beteiligung an L’Oréal ist Milliarden wert – und könnte, so sagen manche Investoren, zur teilweisen Entschuldung eingesetzt werden.

Ein Konzern zwischen Behäbigkeit und Aktionismus

Strategisch steckt Nestlé in einer paradoxen Lage: Einerseits ist der Konzern schwerfällig geworden – zu bürokratisch, zu zentralistisch, zu selbstbezogen. Andererseits greift das neue Management zu einer Schocktherapie, die vielerorts als Überreaktion wahrgenommen wird.

Auch Betriebsräte üben ungewohnt scharfe Kritik. Ihr Brandbrief ist eindeutig: Das Management müsse endlich Verantwortung übernehmen, nicht die Belegschaft. Deutschlandchef Alexander von Maillot spricht offen davon, zu wenig in Marken und Begehrlichkeit investiert zu haben.

Keine Krise ohne Hoffnung

So düster das Bild derzeit wirkt – Analysten wie Jean-Philippe Bertschy mahnen zur Differenzierung. Nestlé sei „kein Sanierungsfall“: Die Marge liege weiterhin über 16 Prozent, das Kapitalrenditeniveau sei hoch, der Free Cashflow stark.

Doch die Geduld der Investoren ist begrenzt. Die Aktie liegt rund 40 Prozent unter dem Höchststand. Der neue CEO muss nun liefern: Kosten senken, Sortiment straffen, Qualität erhöhen, Innovation beschleunigen.

Die eigentliche Frage

Kann dieser Konzern, der jahrzehntelang Stabilität und Berechenbarkeit versprach, wieder zur alten Stärke finden? Oder steht Nestlé vor einer tiefgreifenden Identitätskrise, in der die Marke zwar weiter verkauft, aber nicht mehr verstanden wird?

Der Weg aus der Krise führt über eine schlichte Erkenntnis, die in den Werken längst angekommen ist: Ein Weltkonzern ist nur so gut wie seine Produkte – und die Menschen, die sie herstellen.

Der neue Nestlé-Chef setzt auf Härte. Die Mitarbeiter fordern Mitbestimmung. Am Ende entscheidet nicht das Sparprogramm, sondern ob Nestlé es schafft, wieder relevant zu werden – im Regal, in der Küche und im Alltag der Menschen.

Weiterlesen

Bei Nachrichten von Eulerpool handelt es sich um extern erstellte Tickermeldungen. Ihre Einbettung erfolgt automatisch. Sie werden von uns nicht überprüft oder bearbeitet.

Klicke, um zu kommentieren

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Mehr in Ticker

Nach oben