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Neue Chipkrise droht: Engpässe bei älteren Halbleitern gefährden deutsche Schlüsselindustrien


ie Chipindustrie steuert auf eine neue Versorgungskrise zu – und erneut könnte Deutschland besonders hart getroffen werden. Während derzeit noch ausreichend Halbleiter verfügbar sind, warnen Branchenexperten bereits vor spürbaren Engpässen ab dem vierten Quartal. Der Grund: Die Nachfrage steigt wieder deutlich, doch es fehlt an Fertigungskapazitäten – insbesondere bei älteren, technisch ausgereiften Chips, auf die viele Industriezweige angewiesen sind.
Am stärksten gefährdet ist die Automobilbranche. „Im vierten Quartal werden erstmals wieder Chips fehlen“, sagt Tanjeff Schadt von Strategy&. Der Engpass dürfte 2025 weiter zunehmen. Besonders kritisch sei, dass viele Autohersteller, aber auch Medizintechnik- und Rüstungsunternehmen, auf Halbleiter mit älteren Strukturgrößen setzen – in deren Fertigung kaum noch investiert wurde. Die Branche habe sich zu stark auf Hochleistungschips konzentriert, kritisiert Schadt.
Die Produktionslücke ist messbar. Laut Strategy& wachsen die Fertigungskapazitäten für Chips mit Strukturgrößen unter zehn Nanometern jährlich um 18 %. Bei Chips im Bereich zwischen 131 und 350 Nanometern sind es hingegen nur 4 %, bei noch größeren sogar nur 2 %. Dabei sind diese älteren Chips nach wie vor unverzichtbar – etwa für Steuergeräte, Sensorik oder Stromversorgungen in Fahrzeugen.
Das Risiko ist nicht neu – aber unterschätzt. In der Coronapandemie führten ähnliche Engpässe zu Milliardenverlusten in der deutschen Autoindustrie. Laut einer aktuellen Studie von Strategy& im Auftrag des ZVEI beliefen sich die Schäden von 2021 bis 2023 auf 99 Milliarden Euro – entgangene Umsätze, erhöhte Beschaffungskosten und teure Redesigns von Elektronikplattformen inklusive.
Trotz aller Lehren verhält sich der Markt ähnlich wie vor der Krise. Viele Kunden bestellen weiterhin kurzfristig, um Lagerkosten zu sparen. Noch sind Lieferzeiten kurz, doch Branchenkenner wie Kurt Sievers (NXP) und Jochen Hanebeck (Infineon) warnen bereits: Taktischer Einkauf und fehlende Weitsicht könnten erneut die Lieferketten destabilisieren.
Der geopolitische Druck verschärft die Lage. Exportbeschränkungen der USA gegenüber China, drohende Zölle auf Halbleiterimporte unter Präsident Trump und zunehmende Local-Content-Vorgaben erschweren eine flexible Beschaffung. Gleichzeitig wächst Chinas Bedeutung: Der Anteil chinesischer Chipkapazitäten liegt laut Strategy& bei 27 % – Tendenz steigend.
Für deutsche Industrieunternehmen ist schnelles Handeln gefragt. Noch haben viele Halbleiterhersteller ungenutzte Kapazitäten. Wer jetzt langfristige Partnerschaften und Verträge neu verhandelt, könnte sich sichern, was bald knapp wird. Schadt rät: „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um Lieferbeziehungen strategisch zu festigen – bevor es zu spät ist.“

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